Lateinamerika
Lateinamerika steht abseits der großen Schauplätze der internationalen Politik. Der realpolitische und realökonomische Fokus hat sich in den letzten Jahrzehnten sukzessive in Richtung Asien und Osteuropa verschoben, während sich die Entwicklungspolitik derzeit in besonderem Maße auf den afrikanischen Kontinent konzentriert. Die Gründe hierfür liegen zum Teil in der ernüchternden (wirtschaftlichen) Entwicklung sowie in der Persistenz bzw. ständigen Wiederkehr archaischer gesellschaftspolitischer Strukturen in der Region. Dabei darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass einige Staaten, wie z. B. Mexiko und Brasilien, mittlerweile fest in die globale Politik sowie in internationale Wirtschaftsprozesse integriert sind und an Selbstbewusstsein und Bedeutung hinzugewonnen haben - Ersteres in enger Verzahnung mit den USA, Letzteres in gewisser Abgrenzung gegenüber diesen - und künftig als regionale „Zugpferde" fungieren könnten.
Daneben erregte der südamerikanische Kontinent in letzter Zeit durch die Wahlsiege von Kandidaten des linken politischen Spektrums (in Chile, Uruguay, Argentinien, Brasilien, Venezuela, Ecuador, Bolivien, Nicaragua sowie beinahe auch in Mexiko) und besonders Chavez' Vision eines venezolanischen Sozialismus des 21. Jahrhunderts das Aufsehen der Weltöffentlichkeit. Oftmals sind diese Wahlsiege auf soziale Konflikte und große Unterschiede zwischen Arm und Reich zurückzuführen, die von den vorherigen Regierungen nicht oder kaum gelöst werden konnten und so eine permanente Gefahr für die Stabilität der gesamten Region darstellen. Zudem hat der Wandel im Verhältnis zum mächtigen nördlichen Nachbarn tief greifende Konsequenzen für die lateinamerikanische Politik: Die USA konzentrieren ihr sicherheitspolitisches Interesse seit dem Ende des Ost-West-Konflikts immer mehr auf andere Regionen der Welt und ermöglichen dem südamerikanischen Kontinent dadurch eine eigenständigere Entwicklung - auch und gerade in außen- und sicherheitspolitischen Fragen.
Obwohl Lateinamerika seit dem Ende der Bipolarität auf internationalem politischen Parkett an Relevanz eingebüßt hat, stellt es doch ein außerordentlich weitläufiges und spannendes Feld für die politikwissenschaftliche Forschung dar, vor allem was die erwähnten emanzipatorischen Entwicklungen in unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Bereichen in nicht wenigen der lateinamerikanischen Staaten anbelangt.
Die Arbeitsschwerpunkte der Forschungsgruppe „Lateinamerika" lauten wie folgt:
I. Geografisch:
- Cono Sur (Argentinien, Brasilien, Chile, Paraguay, Uruguay)
- Andenregion (Bolivien, Ecuador, Kolumbien, Peru, Venezuela)
- Zentralamerika (Guatemala, Honduras, Mexiko, Nicaragua, Panama)
II. Thematisch:
- Europäisch-lateinamerikanische Beziehungen
- Nord-Süd-Beziehungen mit Schwerpunkt Lateinamerika
- Interamerikanische Beziehungen
- Lateinamerikas regionale Integration
- Demokratieentwicklung und Menschenrechte
- Umweltpolitik
- Energiepolitik
- Außen- und Sicherheitspolitik lateinamerikanischer Länder
- Politik und Gesellschaft der Länder Lateinamerikas
- Innere Sicherheit und transnationale Bedrohungen
- Wirtschafts- und Handelsfragen
- Gesellschaftspolitische Struktur und soziale Probleme
Mitglieder der KFIBS-Forschungsgruppe sind:
Beiträge zu diesem Themenbereich:
Lateinamerika – „en movimiento“? Hintergründe und Herausforderungen der neuen und alten Linksregierungen im politischen Kontext des Subkontinents
[Essay]
Deutsche Ausgabe 3/06
In diesem Jahr befindet sich Lateinamerika in einem regelrechten „Wahlmarathon“: Unter anderem werden in Peru, Venezuela, Brasilien, Mexiko und Nicaragua Parlamentswahlen stattfinden oder haben bereits stattgefunden. Sollte die von der Presse als „Linksruck“ bezeichnete politische Entwicklung auch auf Länder wie Mexiko und Nicaragua übergreifen, würden rund 80 % aller Lateinamerikaner „links“ regiert. Im vorliegenden Essay sollen die wichtigsten Unterschiede im Hinblick auf die Ausrichtung der Linksregierungen in Lateinamerika anhand von Länderbeispielen skizziert sowie ferner auf ihre Bedeutung für das internationale System eingegangen werden.
Beitrag verfasst von:
Vertagte Wahlen und innenpolitische Dauerkrise: Bolivien gleicht einem „Karneval der Verrückten“
[Essay]
Deutsche Ausgabe 4/05
Die Vertagung der für Anfang Dezember 2005 angesetzten Wahlen im „Dauerkrisenland Bolivien“ verdeutlicht einmal mehr, wie schwierig und konfliktär doch die innenpolitische Situation dort gegenwärtig ist. Ohne jeden Zweifel wird die Demokratie im Andenland auf eine harte Probe gestellt: Der Streit um Bodenressourcen, die drohende Abspaltung des „reichen“ Ostens vom übrigen Teil des Landes und die Uneinigkeit der verschiedenen Bevölkerungsgruppen stellen nur einige der innenpolitischen Konflikte dar, mit denen sich Bolivien zurzeit konfrontiert sieht. Der vorliegende Essay setzt sich vor diesem Hintergrund zum Ziel, die vielfältigen Probleme des politischen Systems des Landes aufzuzeigen und dabei auch die Rolle der indigenen Bevölkerung zu erörtern.
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